Lehren der Wirtschaftswissenschaften aus der Krise

Um die Prognosequalität und den allgemeine Zustand der Wirtschaftswissenschaften ist es in Deutschland nicht zum besten bestellt. Dass wurde nicht zuletzt in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise und in den aus ihr resultierenden Schuldenkrisen einzelner Euro-Staaten augenscheinlich. So waren die massiven Verwerfungen der letzten fünf Jahre für viele Ökonomen überraschend und unvorhergesehen. Schlimmer noch: zahlreiche Ökonomen wollten und wollen den europäischen Volkswirtschaften im Sinne der reinen Lehre umso mehr Medizin an Deregulierung, Ungleichheit, gesellschaftlicher Ökonomisierung und Rückzug des Staates und letztlich eines Primats der Politik verabreichen.

Die Me´M – Denkfabrik für Wirtschaftsethik hat es sich zur Aufgabe gemacht, der „ökonomistischen Monokultur“ in den Wirtschaftswissenschaften entgegen zu treten. Sie will blinder Marktgläubigkeit die Ordnungsvorstellung einer „menschlichen Marktwirtschaft“ (daher das Küzel: Me´M) entgegen halten. Hinter Me`M verbergen sich zahlreiche WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen: WirtschaftswissenschaftlerInnen, PolitologInnen, SoziologInnen und andere. Sie werden angetrieben von der Sorge um eine zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft, gesellschaftlicher Ungleichheit und einer „Geiselhaft, in die das Kapital uns nimmt“.

In ihrem nun veröffentlichten Memorandum und in zahlreichen Blogbeiträgen auf ihrer Website gehen sie mit dem Mainstream der Wirtschaftswissenschaften in Deutschland hart ins Gericht: diese seien in ihrer Forschungsarbeit lediglich Rendite orientiert, das Erkenntnisinteresse stünde nicht mehr im Zentrum und unliebsame, kritische Fragestellungen würden zurückgehalten. Das gesamte Paradigma der Wirtschaftswissenschaften folge einzig der „Fürsprache des Marktes“.

Stattdessen fordert Me`M eine pluralistische, heterodoxe, d.h. nicht nur auf einen einzigen theoretischen Ansatz beschränkte, wirtschaftswissenschaftliche Lehre, eine kritisch hinterfragende Streitkultur und eine an ethischen Maßstäben orientierten Identitätskern der Wirtschaftswissenschaften. Entsprechend richten sie ihren Appell nicht nur allein an die FachkollegInnen, sondern ebenso an gesellschaftliche und politische Akteure des Hochschulwesens wie den Wissenschaftsrat oder Förderinstitute.

In ihrem bemerkenswerten Memorandum beschränken die UnterzeichnerInnen ihre Problemanalyse nicht allein auf die Wirtschaftswissenschaften. Sie stellen sie auch in ihren gesellschaftlichen Kontext. Dabei berücksichtigen sie hegemoniale, also vorherrschende und mächtige Deutungsmuster, die die Gesellschaft durchdrungen und die ökonomische Verwertbarkeit zum höchsten Maßstab von Politik und individueller Lebensführung erklärt haben. Und tatsächlich: die neoklassische, Märkte verabsolutierende wirtschaftswissenschaftliche Lehre, die in den letzten Dekaden den Mainstream bildete, ist in ihrem Wesenskern einem libertären Gesellschaftsbild förderlich und mit ihr verwandt. Jenes libertäre Gesellschaftsbild steht, wie auch in Lesebuch 1 zu den Grundlagen der Sozialen Demokratie ausführlich dargestellt, der Sozialen Demokratie entgegen. Maßgebliche Merkmale jener Ideologie, die umgangssprachlicher auch als Neoliberalismus bezeichnet werden kann, finden sich auch in den ökonomischen Debatten in Wissenschaft und Politik der letzten Jahre wieder. Sozialbindung des Eigentums? Wird abgelehnt. Regulierung der Märkte und durchsetzungsfähige Demokratien? Ebenfalls abgelehnt. Soziale Grundrechte, die in der Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums und in der Einführung von sozialen Mindestnormen wie bspw. Mindestlöhnen resultieren? Schwächen die Effizienz und „natürlichen“ Korrekturmechanismen von Märkten und werden ebenso abgelehnt. Für BefürworterInnen einer Sozialen Demokratie ist klar: das Ablösen des herrschenden Mainstreams deregulierter, freier Märkte durch eine „menschliche Marktwirtschaft“ wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Ein zusätzlicher Hinweis zum Thema: Mit den möglichen Lehren der Wirtschaftswissenschaften, die aus der Krise gezogen wurden, befasst sich außerdem ein sehenswerter Beitrag von ZDFInfo, der in der ZDF-Mediathek abrufbar ist.

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