„Arme sterben früher“

Ein immer wiederkehrender Befund der letzten zwei Jahrzehnte ist eine zunehmend ungleiche Vermögens- und Reichtumsverteilung. Wurde dieser Befund lange vorrangig unter volkswirtschaftlichen, fiskal- oder sozialpolitischen Gesichtspunkten analysiert und bewertet, nehmen in den letzten Jahren Rückbindungen an Indikatoren eines „guten Lebens“ zu. Mit hoher Breitenwirkung lenkte die 2009 erschiene Publikation „The Spirit Level“ von Richard Wilkinson und Kate Pickett den Blick auf den Zusammenhang des Grades sozialer Gleichheit mit u. a. Kriminalitätsfaktoren, Gewalt, ungewollten Teenager-Schwangerschaften und nicht zuletzt der Lebenserwartung.

Eben jenen Aspekt nahm sich unlängst die FAZ in einem kurzen Beitrag vor und fragte nach den „sieben Gründen, warum Arme früher sterben“. Der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen den Reichsten und Ärmsten beträgt demnach bis zu zehn Jahre! Doch wie mehr Gleichheit erlangen? Neben einer gerechteren Reichtums- und Vermögensverteilung anhand eines stärker umverteilenden Steuersystems und einer expansiven Lohnpolitik rückt bei Beantwortung dieser Frage der Sozialstaat in den Blick. Im Lesebuch Sozialstaat und Soziale Demokratie (Lesebuch 3) wird die Aufmerksamkeit bei Verteilungsfragen um den zentralen Punkt der Verwendung des Steuer- und Beitragsaufkommens erweitert. Mit Verweis auf die skandinavischen Staaten lohnen sichbesonders ausgebaute öffentliche Dienstleistungen wie ein umfassendes Bildungssystem, Kinderbetreuungsstrukturen oder Gesundheitsprävention. Aber auch monetäre Leistungen wie eine universelle Grundsicherung zählen zu den Gleichheit befördernden politischen Instrumenten. Konservative Sozialstaaten wie der deutsche sollten sich in ihren Entwicklungen am skandinavischen Modell orientieren.

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